Sternberger/ Storz/ Süskind:
Aus dem Wörterbuch des Unmenschen

by Rachel Calder (FY 1998-99)

"Soviel und welche Sprache einer spricht, soviel und solche Sache, Welt oder Natur ist ihm erschlossen. Und jedes Wort, das er redet, wandelt die Welt, worin er sich bewegt, wandelt ihn selbst und seinen Ort in dieser Welt." (S7)

So steht es in der Vorbemerkung der Auflage von 1945 "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen". Sprache sei keine Nebensache des Dritten Reiches. Sprache sei eine Wiederspiegelung und sogar eine konstruktive Kraft von einer Einstellung oder Umwelt. Diese Sprache des Nationalsozialismus oder "des Unmenschen"wie es hier heißt, wird hier untersucht um die Grundgedanken und Hintergedanken der Sprache zu erforschen, damit sie ihre subversive Kräfte endlich verliert, damit die deutsche Sprache wieder unschuldig diese verdorbene Wörter brauchen darf. In der Vorbemerkung der Auflage von 1957 wurde es aber klar gemacht, daß diese Ziele noch nicht erreicht sind. Die "schauerliche" Macht sei nicht mehr da, aber trotzdem sei die Sprache nicht rein. Die heutige Sprache habe unbewußt Ideen und Sprache von damals übernommen. Jetzt wird das Ziel neu ausgedrückt:

"Möge es helfen, die Augen zu öffnen, das Gehör zu schärfen, die Zungen schamhaft zu machen und ihnen schließlich ihre natürliche Geläufigkeit zurückzugeben!" (S9-10)

Zwei weitere Ausgaben sind 1967 und 1986 erschienen. Die Welt hat sich in dieser Zeit etwas verändert und es gibt Kritik über das Buch selber und auch über diesen ganzen Bereich der Sprachkritik. Man hat gemeint, daß Sprache in sich nicht böse sei, es sei der Sprecher, der böse ist. Eigentlich sei ein Buch wie "Aus dem Wörterbuch des Unmenschens" einfach Gesellschaftskritik und keine Sprachkritik. Nach Meinung der Autoren aber, werden unschuldige Wörter mit dem Fleisch des schuldigen Menschens bekleidet. Die neue Bedeutungen, die mit Schuld verbunden sind, werden mit der Zeit allgemein akzeptiert. So eine klare Trennung zwischen Verwender und Verwendete gibt es einfach nicht.

Die Autoren bemerken auch wie mehrere Wörter immer noch einen sehr starken "Geschmack" der Hitlerzeit haben - Lager zum Beispiel.

(erste OHP - 5 verschiedene Arten)

Das Buch handelt aber nicht nur von Nazivokabeln sondern von allen Wörtern, die aus der Sprache der Unmenschen aller Arten herkommen. In dieser Auflage gibt es sogar sechs neue Artikel. Diese Wörter sind alte Wörter, die unmenschlich benutzt worden sind, die Unmenschen haben auch vor 1933 gelebt und leben immer noch.

Die vierte Auflage betont, daß es immer noch ein Problem ist, daß Wörter unmenschlich verwendet werden. Manches des Idealismus scheint verschwunden zu sein. Es sei vielleicht ein Irrtum zu glauben, die böse Sprache sei überhaupt an eine Epoche gebunden. Sprachkritik sei vielleicht solange notwendig wie die Sprache existiere.

Dieses Buch ist eine Sammlung von Artikeln, die zuerst in einer Zeitschrift "Die Wandlung" erschienen sind. Wörter, deren Bedeutung irgendwie während des Dritten Reiches verändert worden ist, werden hier betrachtet. Die Wörter sind alphabetisch geordnet wie in einem Wörterbuch. Zuerst gibt es eine Erklärung des Wortes, seiner historischen Entwicklung oder seiner Struktur. Dann wird es beschrieben wie es verwendet wurde in dem Dritten Reich. Manchmal wird etwas in den spateren Auflagen zugefügt, diese wird auch gezeigt.

Wir nehmen drei Wörter als Beispiele, sie sind Betreuung, charakterlich und durchführen.

Betreuung

Ganz in der Mitte von diesem Wort steckt 'die Treue'. Verben werden aus treu gebildet - "treu sein" und "treu bleiben" zum Beispiel. Es geht um ein menschliches Verhalten, das mochten die Unmenschen nicht, ihnen ist es notwendig ein Tätigkeitswort zu bilden, ein Transitiv zu bilden. "be-" drückt eine Unterwerfung des Gegenstandes aus.

"be- gleicht einer Krallenpfote, die das Objekt umgreift und derart erst zu einem eigentlichen und ausschließlichen Objekt macht." (S32)

Beispiele sind: beherrschen, betrügen, beschimpfen, bespeien, bestrafen, benutzen, beschießen, bedrücken, belohnen, beruhigen.

"Das Objekt, eben der Jemand, wird mindestens zeitweilig des eigenen Willens beraubt oder soll des eigenen Willens beraubt werden oder hat seine Freiheit schon verloren." (S32)

Hier also wird ein Wort aus dem Wurzel Treue genommen. Dieses Wort wird so verwandelt, daß es zu einem Tun wird, das andere unterordnet. Dies wird in seiner Verwendung gezeigt:

der Kindergarten betreut die Kinder

Die Schule betreut die Schüler - schulische Betreuung

immer weiter von der Idee entwernt, die persönlicher Beziehung wie "jemandem treu sein" ausdrückt. So weit ist es gegangen, daß irgendwo geschrieben wurde: Geheime Staatspolizei betreut die Juden.

Irgendwie aber gibt es einen vertrauten Klang dieses Wortes, trotz des Mißbrauches, da Treue darin steckt.

Nach der Nazizeit gibt es immer noch Mißbrauch dieses Wortes - es wird gesagt, daß Baufirmen, Siedlungsgesellschaften usw. betreuen.

Unmenschen wollen, daß keiner unbetreut bleibe, daß der Mensch zu keine Zeit seines Lebens unbetreut bleibt.

Man merkt, daß betreuen kein bequemes Konzept ist indem man nie das Passiv hört - "ich werde betreut" klingt irgendwie schamhaft und wird selten verwendet. Es wird am liebsten in der dritten Form Singular oder Plural benutzt, dann geht es einen nicht an, es ist unpersönlich wie die Unmenschen es mögen.

Charakterlich

Zuerst wird bemerkt, daß es zwei Teile dieses Wortes gibt. Nämlich "Charakter" und "lich". Charakter kommt ursprunglich im Griechischen vor und bedeutet Buchstabe, ein geprägtes Zeichen. Das kann man in gemaltes, geschriebenes, geschnitztes oder gegossenes Zeichen übertragen. Dann gibt es die Idee, Mensch als Charakter zu betrachten. Alle Eigenschaften und Elemente des Mensches sind damit gemeint. Das wird alles verloren wenn "Charackter" zum Teil eines Wortes wird.

""Charackterlos" heißt ein Unwesen, welches verschwimmt, verfließt, überall entwischt und sich verwandelt, wo man es fassen will, welches vor jeder Kante weicht und in jedes Loch hineinrinnt; das Charakterlose ist das schlechthin Flussige." (S38)

Ein Charakter ist man, es gibt doch einen Charakter, den man hat aber er wird sehr schnell zu fest, zu beschränkend. Der Charakter, der man ist, schließt beides - beugsame und feste Elemente - ein.

Der Charakter wird von den Unmenschen nicht abgeschafft, nur verwandelt. "-lich" wird angehängt. Damit wird Charakter zum bloßen Teilwort. -lich bildet meistens eine Eigenschaft. Man beschreibt Leute und Dinge als lieblich oder häßlich, ein Mensch kann häuslich sein. Körperlich und leiblich werden jedoch anders verwendet. Niemand kann körperlich sein, aber man kann ein körperliches Verhältnis beschreiben, indem man die Beziehung zwischen jemandem und seinem Körper beschreibt.

Jemanden als charakterlich zu beschreiben ist undenkbar, gleicherweise ist Charakterlichkeit undenkbar. "-lich" nimmt etwas von einem Wort, es ist nicht mehr ein eigenes Wesen sondern Beschreibungen eines Elementes. Mit der Bildung des Wortes "charakterlich" wird "Charakter" von der Mitte des Satzes genommen.

Die Anwendung dieses Wortes macht den Charakter zum Knecht: charakterliche Begutachtung, charakterliche Erziehung. In der Welt des Unmenschens wird der Unmensch zum Begutachtenden oder Erziehenden, auch wenn es um charakterliches Verhalten geht, gibt es den Schatten des Unmenschens - Verhalten steht ja unter Zensur.

Durchführen

In diesem Wort wird das "durch" betont. Das ist nämlich wichtiger als das Führen. Man bringt etwas zum Ziel man vollendet etwas. Ein vollkommener Gehorsam könnte darinstecken, es gibt doch einen Geschmack des Imperatorischen.

Für diesen Konzept gibt es viele andere Wörter - beenden, vollenden, vollbringen, fertigmachen, fertigstellen, fertigbringen. Seit 1933 aber werden andere Wörter wie diese oder sogar "unternehmen" und "machen" kaum verwendet. Das Durchführen ist aber nicht immer frei. Der Autor schreibt, daß es oft mehr durchgreifen von den Unmenschen als ausführen gäbe (S47).

Die Führer, die ursprunglich durchgeführt haben, sind jetzt weg, die Menschen aber scheinen nicht davon los zu kommen. Die Vielfalt von Wörtern scheint weg zu sein und es geht immer noch nur um das Durchführen. Eine Veranstaltung wird durchgeführt. Es klingt als ob man keine Lust dazu hat, es muß einfach so sein.

Also in allen drei Wörtern gibt es einen Mißbrauch der Sprache. Der Mensch wird der Sprache untergeordnet, er wird irgendwie zum Objekt gemacht.

Ich fasse auf Englisch zusammen:

"Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" tries to bring to light some of the subtle changes made to language by the Third Reich. The progression of 'Forewords' to the book note the difficulty of returning to a pure form of the langauage which eliminates the nazi ideologies from speech. Somehow the ideas have stuck even if they are not consciously propogated as before. The question is also raised or the fact stated that actually language did not have a pure form before 1933 and will never have a purte form again - there are always Unmenschen.

We looked at three of the words which are considered in the book:
Betreuung - care, looking after
charakterlich - adjective of character or meaning in character
durchführen - implement

Here we saw how the dictatorship had pervaded language to such an extent that each of these words had the taste of imperialism and control. In each concept evoked by the word the potential for outside control of the individual exists, often with a sharp deviation from the original roots of or meaning of the words. Betreuung becomes a type of censorship, character is relegated to become one of many elements of a persons make-up and durchführen a word which implies following a command becomes the common way to express an act.

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